Choreographieren als Selbsttherapie – Im Gespräch mit Marco Goecke
Am 27. April feierte das Staatsballett Berlin die Premiere des Dreiteilers DUATO | FORSYTHE | GOECKE. Neben zwei Werken von Nacho Duato und William Forsythe wurde eine Uraufführung von Marco Goecke auf der Grundlage von John Adams‘ „Guide To Strange Places“ aufgeführt: and the sky on that cloudy old day. Längst hat Goecke einen eigenen choreographischen Stil erarbeitet und mit seinen vielgelobten Werken Eingang in die Ballettspielpläne gefunden.

Bisher haben Sie nur ein klassisches Handlungsballett choreographiert. Woher kommt Ihre Inspiration, wenn Sie sich nicht an einer Handlung „festhalten“ können?

Marco Goecke: Zuerst geht es immer darum, Schritte zu finden. In einem Lernprozess über mehrere Wochen sehe ich dann, wohin mich das führt. Eine ganz einfache Antwort wäre: Alle Stücke handeln von mir, also von meiner momentanen Verfassung und von dem, was ich selber aufgenommen haben. Der tschechische Choreograph Jiří Kylián hat einmal gesagt, dass auch die abstrakten Ballette eine Handlung haben. Die ist oft klein und zersplittert, und da ist es immer wieder interessant, wohin mich das führt. Da gibt es vorher keinen Plan. Wenn mir eine Requisite in den Sinn kommt, beispielsweise eine Feder oder ein Stuhl, dann kann ich das nicht forcieren, aber es ist ein Hinweis auf irgendetwas, was ich vielleicht bewusst gar nicht benennen könnte. Leider.

Das klingt fast nach einer Selbsttherapie. Choreographie als Blick in die eigenen Abgründe, von denen man selber gar nichts weiß.

Marco Goecke: Das ist richtig. Es macht auch sehr viel Spaß, wenn ich selber stabil bin. Wenn ich aber labil bin, ist es auch eine Qual, mit den Leuten im Studio und mit mir selber so weit zu gehen.

Wer selber auf der Bühne steht, wie Sie es in Ihrer Zeit als Tänzer auch taten, gibt selbstverständlich viel Persönliches preis. Wie viel gibt der Choreograph Marco Goecke in seinen Arbeiten preis?

Marco Goecke: Ich glaube, dass die Tänzer bis zu einem gewissen Punkt gar nicht wissen, was sie tun. Das ist auch gut. Trotzdem kreisen wir im Probenraum gemeinsam um etwas, wovon wir wissen. Es kommt ein Vertrauen von der anderen Seite. Wir kümmern uns um Dinge, die größer sind als unsere kleinen Sorgen und Nöte. Vielleicht auch schöner oder hässlicher.

Der Ausdruck dieser großen Dinge findet durch den Körper statt. Das Ballett ist dadurch noch viel technischer als die Oper, auch beschränkter durch die Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers.

Marco Goecke: Der Körper ist ein Gefängnis. Meine Tänze sind Signale aus diesem Gefängnis. Der Körper ist immer da, keiner kann ausbrechen. Aber in den Bewegungen und in meinen Stücken zeigt sich der Wunsch, den Körper größer zu machen. Den Körper so zu verstellen, dass er nicht nur das alltägliche Gefängnis bedeutet.

Im klassischen Ballett kann gerade die Virtuosität der Körperlichkeit das Publikum ungeheuer faszinieren.

Marco Goecke: Ganz bestimmt. Aber da sind eine bestimmte Ästhetik und bestimmte Regeln vorgegeben, die unumstößlich sind. Ich benutze diese Regeln und versuche, sie zu verändern. Diese Regeln wurden irgendwann als zu eingrenzend empfunden. Im modernen Tanz ist der Charakter des Tänzers stärker gefragt. Viele Pioniere haben dafür gekämpft. Auch heute muss darum noch immer gekämpft werden. Ich habe an einigen Theatern gearbeitet, wo es deshalb zu Problemen kam. Das ist spannend. Daran sieht man, wie jungfräulich der moderne Tanz noch ist. Dass er noch gar nicht so verankert ist wie andere Kunstformen der Moderne. Das kann noch immer skandalös sein. Das ist eine große Chance für mich und andere Choreographen, die auf diesem Weg weiter gehen möchten. Als ich Hauschoreograph in Stuttgart wurde, wo die Ballettkompanie sehr klassisch geprägt war, war das ein sehr mutiger Schritt der Intendanz. Selbstverständlich soll das klassische Repertoire weiterleben, aber wir müssen auch vorwärts gehen.

Für die Tänzer bedeutet das dann eine Gratwanderung zwischen beiden Tanztechniken.

Marco Goecke: Die von den Tänzern geforderte Perfektion ist in meinen Stücken aber dieselbe wie im klassischen Repertoire. Oft ist es auch derselbe Kraftakt. Ich muss den Tänzern klar machen, dass diese Technik ebenso virtuos ist wie das, was man gemeinhin für anspruchsvoll hält. Es gibt in meinen Stücken keine Improvisation. Das ist sehr strikt. Ich zwinge aber niemanden in eine Form hinein. Mir ist es wichtig, dass der jeweilige Tänzer das auch ausführen kann, was ich von ihm wünsche. Gerade bei jungen Tänzern kommen da oft ganz aufregende Sachen bei heraus. Auch im klassischen Repertoire muss der Tänzer etwas von sich geben. Die Zuschauer gucken nicht nur auf die Beine. Das ist ein Geheimnis. Es gibt nur wenige Menschen, die im klassischen Ballett großartige Künstler sind. Wir leben, um dieses Geheimnis zu erkunden.

Wie viel davon ist bewusst und technisch herstellbar?

Marco Goecke: Nichts. Ich kenne das von meinen Sachen, dass die Leute das berührt. Das freut mich natürlich, aber ich kann das nicht nachvollziehen. Ich kann keine Emotionalität herstellen. Das ist toll, aber das ist auch tragisch. Denn ich kann das Ergebnis nicht planen.

Trotz dieses großen Risikos treibt es die darstellenden Künstler, also Schauspieler, Sänger und Tänzer immer wieder auf die Bühne. Woran liegt das?

Marco Goecke: Für mich ist es der lebendigste Moment. Ich habe das in meiner Zeit als Tänzer immer so empfunden. Es ist der Moment des Nicht-Sterbens. Es ist so voller Leben, das ist mit nichts zu vergleichen. Das Alltagsleben ist im Vergleich langsam und langweilig.

Wann war Ihnen klar, dass Sie das nicht nur als Tänzer erleben möchten sondern auch als Choreograph?

Marco Goecke: Das war mir schon sehr früh klar. Ich war zwar ein recht guter Tänzer, aber ich war nicht besonders folgsam. Man muss schon eine gewisse Unterwürfigkeit mitbringen, und zwar über viele Jahre. Das konnte ich nicht, dazu war ich zu ichbesessen. Ich wollte hinter den Tisch. Und was ich für andere tanzen musste, hat mir nicht gereicht. Viele meiner Träume haben nicht stattgefunden, das war eine Enttäuschung. Aber ich war noch nicht fertig mit dem Tanz und bin zurückgekommen. Jetzt bin ich als Choreograph erfolgreich. Das war meine Rache. (lacht)

Als Choreograph werden Sie nun von den wichtigsten und besten Kompanien eingeladen. Wird das Leben dadurch einfacher?

Marco Goecke: Das glauben viele, aber es ist nicht so. Die Angst wird immer größer. Die ersten Jahre waren superspannend. Wenn ich ein Stück pro Abend gemacht habe, hing da ungeheuer viel Herzblut dran. Inzwischen bin ich da viel professioneller. An meinen Arbeiten klebt zwar immer noch viel Herzblut, aber in den ersten Jahren war das viel aufregender. Jetzt ist es schon fast an der Zeit zurückzuschauen und zu überlegen, wie es weitergehen kann. Ein Stück in Stille wäre mal interessant und eine riesige Herausforderung.

Das Gespräch führte Uwe Friedrich.