Boris Eifman
CHOREOGRAPH

wurde in Sibirien geboren. Seine Tanzausbildung erhielt er zunächst an der Waganowa-Ballett-Akademie in St. Petersburg, später absolvierte er 1966 am Konservatorium die Ausbildung zum Choreographen und Ballett-Pädagogen. 1970 zog sein Balletts „Ikarus“ die Aufmerksamkeit russischer Kritiker auf sich, woraufhin er offiziell zum Choreographen der Waganowa-Ballettakademie ernannt wurde. Anschließend produzierte er in Leningrad für das Maly-Theater seine eigene Version von Aram Chatschaturjans „Gajaneh“ (1972) sowie Igor Strawinskys „Feuervogel“ (1975) für das Kirow-Ballett. 1977 gründete er seine eigene Ballettcompagnie, das St. Petersburger Ballett-Theater, um seine Idee von einem „Tanz-Theater“ zu verwirklichen. Mit seiner Truppe unternahm er ausgedehnte Reisen durch die Sowjetunion, wo er vor ausverkauften Häusern den Durst nach einer neuen Bewegungssprache stillen konnte. Trotz des politischen Drucks, das Land verlassen zu müssen, weil er sich nicht ausdrücklich der „Sowjetkunst“ verpflichten wollte, blieb Eifman in St. Petersburg und erreichte mit seinem originären Stil riesige Publikumsschichten. Erst 1987 durfte Eifman mit seiner Truppe jenseits des Eisernen Vorhangs gastieren, die erste Reise führte nach Paris und machte ihn und seine Compagnie mit einem Schlage berühmt. In den USA war man bereits 1978 auf ihn aufmerksam geworden, als in der New York Times eine seiner Moskauer Aufführungen sehr positiv besprochen wurde.

Sein inhaltliches Interesse richtet sich auf die Gefühlswelten des modernen Menschen. Ihn fasziniert das Geheimnis der Kreativität und die magische Kraft des Genies. Dies schlägt sich in seinen Choreographien über das Leben von Peter I. Tschaikowsky, die Tänzerin Olga Spessivtseva oder Molière nieder. Sein Interesse für die Psychoanalyse bringt er in Werken wie „The Idiot“, „The Master and Margarita“, „The Assassins“, „Don Quixote“, „The Brothers Karamazov“, „The Red Giselle“, „The Russian Hamlet“ oder „Don Juan & Molière“ zum Ausdruck. Hier steht die dunkle, manchmal erschreckende Natur der menschlichen Psyche im Vordergrund. Immer wieder befinden sich seine Figuren in Grenz-Situationen: Dabei stehen weniger Wahnsinn und emotionale Überreizung im Vordergrund, sondern vor allem der tatsächliche Moment der Überschreitung dieser Grenze, der bei der essentiellen philosophischen und geistigen Suche des modernen Menschen Erkenntnis erst ermöglicht.
Eifman widmet sich ebenso häufig der Komödie. Er bedient sich weitgehend bekannter Motive und reflektiert sie mit seinen choreographischen Mitteln. Es entstanden u. a. „Twelfth Night“ nach William Shakespeare, „Crazy Day“, nach Beaumarchais‘/Rossinis „Le Nozze di Figaro“ oder „Who‘s Who“ in Anlehnung an Billy Wilders Film „Manche mögen’s heiß“.

Bewusst bekennt sich Eifman in seiner choreographischen Arbeit zu einer Art Laboratorium des Suchens und Entdeckens, in das alle Formen von Tanz und Bewegung einbezogen werden. Beim Versuch, ein intensives Theatererlebnis hervorzurufen, befreit er nicht nur den klassischen Tanz von seinen Konventionen, sondern arbeitet mit den Kunstgriffen eines erfahrenen Theatermannes, der dynamische Gruppenszenen, ungewöhnliche Paarungen oder spannungsreiche Spiele mit Stillstand und Höchstspannung in einen wirkungsvollen Ablauf bringt. Damit sieht er sich selbst in der Tradition von Jean-George Noverre und Michail Fokin.
Tourneen mit seiner Compagnie, dem St. Petersburger Ballett-Theater, führen ihn heute oft und regelmäßig in die USA und Europa. In den USA gilt er als der prominenteste moderne russische Choreograph, genießt mit seiner Compagnie den „Resident“-Status am New York City Center und wurde deshalb auch zur Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von George Balanchine um eine Choreographie („Apollon musagète“) gebeten. Zuletzt schuf er 2004 ein Ballett nach Tolstois „Anna Karenina“.

Gegenwärtig gilt er als einer der produktivsten und kreativsten Künstler des Balletts in Russland. Für seine Produktion „Tschaikowsky“ wurde er mit dem wohl wichtigsten russischen Theaterpreis, der „Goldenen Maske“, ausgezeichnet, während Eifman selbst diese „Goldene Maske“ für seine Verdienste um die Entwicklung der zeitgenössischen Choreographie empfing. Viermal bereits erhielt er auch den St. Petersburger Theaterpreis „Goldener Bogen“ sowie den „Triumph“. 1995 wurde er zum Russischen Volkskünstler ernannt, er ist Chevalier des Arts et des Lettres in Frankreich und vor wenigen Tagen (im April 2006) wurde er mit dem "Benois de la danse" ausgezeichnet. Boris Eifman lehrt an der Waganowa-Ballett-Akademie in St. Petersburg.

Choreographie und Inszenierung
14. June 2014